Zweites Buch: Im Reich des Mechanikermeisters - Auf dem Rücken der Weisen Schildkröte

... "Nur nicht die Nerven verlieren", redete sich Jule beruhigend zu und holte tief Luft. Zentimeter um Zentimeter tastete sie sich mutig an der hunderte Meter in die Tiefe fallenden Eisenwand entlang und erreichte schließlich ein halbgeöffnetes Fenster, aus dem schwache Lichtstrahlen sich ihren Weg in das weite Dunkel der kühlen Nacht bahnten. Alles war gut gegangen und mit einem letzten Ruck vermochte sie bereits einen Blick in das lang ersehnte Innere der mächtigen Eisenburg zu werfen.
Doch wie erstaunte Jule: In dem nur spärlich erleuchteten Raum saß ein ururalter bärtiger Mann mit schlohweißem Haar an einem Holztisch, das Haupt müde auf Hand und Ellenbogen gestützt. Sein riesiger ebenfalls schlohweißer Bart reichte ihm bis auf den dunklen Zimmerboden. Tiefe Falten durchfurchten sein müdes Gesicht, das dennoch einen fast kindlich sanften Gesichtsausdruck trug. Insbesondere die vollen sinnlich-roten Lippen und seine tiefglänzenden mandelförmigen Augen kontrastierten stärkstens zu dem zweifelsohne sehr hohen Alter. Gekleidet war er in ein altertümliches flaschengrünes Samtgewand, das an den Ärmeln und auf der Brust mit zahlreichen fantastischen Goldstickereien verziert war. Die tief ins Gesicht geschobene grüne Kappe, an der verspielt mehrere Goldglöckchen baumelten, verlieh ihm das geheimnisvolle Aussehen eines mächtigen, gleichwohl gutmütigen Zauberers. Seine feingliedrigen Finger zierten mehrere große Ringe, von denen Jule insbesondere einer mit einem blutroten Kristall in die Augen fiel. Natürlich, dies war ein Drachenauge. Auch der alte Mann kannte also das Geheimnis der Reise durch das dunkle Zwischenreich der Ebenen?
Erst jetzt wurde Jule bewusst, dass sie ja sehr wahrscheinlich dem Großen Mechanikermeister gegenüberstand, von dem sie seit dem Beginn ihrer großen Reise schon so viel gehört hatte. Ach, wie sehnsüchtig fieberte sie dieser außergewöhnlichen Begegnung mit ihm bereits entgegen. Und nun war sie tatsächlich angekommen. Doch was tat der Meister gerade? Im flackernden Schein der Kerze erkannte sie auf dem Tisch eine Apparatur, die sich kurz darauf als ein blauschwarzer mechanischer Vogel entpuppte. Sein Gefieder war zur Seite geschlagen und in dem weit geöffneten Körper drehten sich munter die verschiedensten Zahnräder.
"Kchrrr ..., kchrrr ..., das kitzelt, Meister ...", krächzte der Vogel in einem fort und zappelte hin und her, während der alte Mann mit einer schmalen Zange in dessen Getriebe herumfuhr.
"Halt still Bote! Wenn du mich deinen Mechanismus nicht reparieren lässt, wirst du nimmermehr die hohen Lüfte durchstreifen. Und ich werde ohne Kunde aus den Ebenen verdorren."
Ja, das musste der Große Mechanikermeister sein. Nun war sich Jule sicher. Nur noch wenige Handgriffe, dann hatte der Meister seine Arbeit beendet, klappte den Körper des Vogels wieder zu und hob den nunmehr völlig leblosen Körper mit der linken Hand über sein Haupt. Darauf murmelte der Mechanikermeister einige für Jule unverständliche Worte und augenblicks fuhr ein spitzer weißer Blitz aus dem violetten Ringstein an des Meisters rechtem Zeigefinger in den Vogel. Dieser quittierte den Blitz mit einem gellenden Schrei, bäumte sich wie elektrisiert auf und stürzte mit wildem Flügelschlag unmittelbar durch das geöffnete Fenster in die dunkle Nacht hinaus. Nur um Haaresbreite hätte er Jule mit sich in die tödliche Tiefe gerissen.
Kaum war der Vogel verschwunden, fiel der Mechanikermeister auf die Knie und begann gesenkten Hauptes auf dem rauen Boden des Raumes leise ein Gebet zu murmeln, währenddessen seine geöffneten Hände wie ein Schild auf seiner Brust ruhten. Erstaunt erkannte Jule ein feines bernsteinfarbenes Leuchten, das von einer Unzahl kleiner Blitze herrührte, die geheimnisvoll seinen Handrücken entsprangen.
Jule nutzte diesen Moment der Versenkung, um sich heimlich durch das Fenster in sein Zimmer zu schleichen. Selbst als sie nun direkt vor dem Großen Mechanikermeister stand, bemerkte er sie noch immer nicht. Vorsichtig tippte sie ihm auf die Schulter.
Wie von der Tarantel gestochen sprang der Meister empor, starrte mit weit aufgerissenen, von Schrecken erfüllten Augen auf Jule und schrie heiser:
"Wehe, böser Geist ...! Verschwinde ...! Hebe dich hinweg aus meiner Stube ...! Weg, nur weg, weg in den Kristall ...!"
"Aber ich bin’s doch nur, die Jule. Ich will nichts Böses ..."
"Ha, welch garstiges Meckern dringt heute aus deiner hässlichen Drachenkehle? Dein Herr hat dich umsonst geschickt. Morsus bekommt mich nimmer." Dabei fuchtelte der Mechanikermeister mit seinen Armen wild in der Luft herum, als kämpfe er gegen eine ganze Schar der gefährlichsten Feinde.
Nur mit äußerster Anstrengung gelang es Jule, den Angriffen des Meisters auszuweichen. Ganz offensichtlich war sein Geist vernebelt und er glaubte ein schreckliches Ungeheuer vor sich zu haben. Schon hatte er Jule bis auf die Fensterbank zurückgedrängt und versuchte sie nun in die dunkle Tiefe zu stürzen.
"Halt, bitte nein ..., habt doch Mitleid mit mir, lieber Meister ..."
Doch umsonst. Nur noch schlimmer blitzte der Wahnsinn in seinen irren Augen. Schon holte der Mechanikermeister zu einem letzten vernichtenden Schlage aus.
In dem Moment, als Jule alles für verloren glaubte, schwebte urplötzlich der Blaue Engel aus der Edelsteinblume neben ihr und flüsterte:
"Nenn den Namen, flink den Namen ..."
Wie in Trance formten Jules Lippen den geheimnisvollen Namen "Elisande", den ihr die Regenbogenschlange genannt hatte. Und augenblicks, als hätte ihn ein Zauberstab berührt, erstarrte der Mechanikermeister wie zur Salzsäule. Seine zitternden Augen bohrten sich angestrengt in die Dunkelheit, als versuche er irgendetwas zu erkennen. Doch noch immer war sein Blick vernebelt. Er schaute durch Jule hindurch, als wäre sie nicht vorhanden.
Zum zweiten Mal rief Jule den Namen "Elisande", nun etwas lauter. Diesmal zuckte der Mechanikermeister wie vom Blitz getroffen zusammen. Sein Leib krümmte sich, und begleitet von einem herzzerreißenden Jammern und Wehklagen, stürzte er zu Boden.
"Wehe ..., nicht ..., nicht dieser stechende Schmerz! Allmächtige Absicht, hab doch Erbarmen ..! Habe ich nicht schon genug gelitten ...? Nimm mich fort von diesem dunklen Ort ..., wie der Frühlingsfluss die alte Weide ..., dass nimmer mehr ich muss spüren die Qual, die mir den Atem raubt ..."
"Wacht doch auf, kommt zu euch, Meister! Ich bin es, die Jule, ein kleines Mädchen und keine allmächtige Absicht. Ich möchte euch helfen!"
Dabei umschlang sie seinen zitternden Körper als hielte sie ein kleines Kind in ihren Armen. Mit jeder Faser ihres Leibes spürte Jule den großen Schmerz des Mechanikermeisters, der keine Erlösung kannte, nicht einmal ein erleichterndes Weinen. Wie in einem schaurig kalten Eispalast schien der Schmerz in dem Meister eingefroren. Unwillkürlich begann Jule vor sich hin zu summen. Es war ihr Lied, das sie einst von der Regenbogenschlange gelernt hatte. Sie sang es eigentlich nur, um sich selbst zu beruhigen. Doch seltsamerweise gesellten sich diesmal geheimnisvolle Worte zu der Melodie:


"Wir haben uns verloren
im fahlen Schein der Erinnerungen;
Werd was du bist,
und suche den Weg zurück in den Garten ..."



Kaum waren diese ersten Töne verklungen, begann sich der alte Mann unversehens, wie von einem geheimen Zauber berührt, zu beruhigen. Langsam hob er seinen Kopf und schaute, als hätte der Nebel sich verzogen, mit noch immer tränenlosem, schmerzerfülltem Blick in Jules Augen.
"Wer bist du Kind? Von wo kommst du? Woher kennst du den Namen Elisande? Wie konntest du meinen treuen Wächter Anawrin überwinden und in meine Stille eindringen? Seit vielen Millionen Jahren habe ich kein fremdes Wesen mehr gesehen. Ja, die Welt hat mich vergessen und ich die Welt. Und dies war auch gut so. Doch nun bist du da ... Warum nur ...? Warum störst du mein Glück, meinen Frieden?" ...



INHALTSVERZEICHNIS - ZWEITES BUCH

· Durch die Nebelwand ... 351
· Fremde Gedanken: In der Gewalt des Drachen Morsus ... 353
· Aufwachen ... 357
· Das Lied der Regenbogenschlange ... 361
· Die Pforte des Herzens ... 369
· Der geheimnisvolle Baum im Gebirge ... 373
· Das Rätsel ... 381
· Das Gleichnis vom Falken und vom Sternenhimmel ... 384
· Durch den Spiegel ... 386
· Das Schwarze Licht ... 390
· In der Eisenburg des Mechanikermeisters ... 395
· Die traurige Geschichte von Silavon und Elisande ... 408
· Erinnerungen ... 423
· Elisande ... 437
· Ebenen oder die Kraft unserer Gedanken ... 442
· Die Suche nach dem Herz des Mechanikermeisters ... 454
· Die Offenbarung in der Gralshöhle ... 463
· Zurück beim Mechanikermeister: Die große Verwandlung ... 482
· Abschied ... 488

     

<<< zum Ersten Buch

 

zum Dritten Buch >>>

 


Copyright © 2015 AVOX VERLAG. All rights reserved.

Alle Texte, Illustrationen und Layouts von Ulrich Taschow. Copyright © 2015. All rights reserved.