Fünftes Buch: Zurück in der fünften Ebene - Auf dem Rücken der Weisen Schildkröte

... Erstaunt blickten die Mädchen um sich. Sie befanden sich inmitten einer riesigen Gemäldegalerie.
"Das ist die Nationalgalerie", flüsterte Franzi aufgeregt: "Da war ich schon zweimal mit meiner Mutter." Von einer verrückten Ahnung getrieben, rannte sie ans Fenster.
"Ja Waaaahnsinn …! Jule, Jule, schnell, schau nur hinunter. Wir sind wieder in der Gegenwart."
Tatsächlich fuhren unter ihnen Autos herum, so wie sie diese kannten. Ampeln schalteten lustig hin und her und die Menschen trugen moderne Kleidung. Begeistert riss Jule das Fenster auf, um endlich wieder die Luft der Gegenwart zu schnuppern. Doch oh Schreck. Im selben Moment ertönte schon schrill eine Alarmanlage, Eisengitter fuhren vor den Fenstern herab und kurz darauf hörten sie von draußen die Sirenen rasant sich nähernder Polizeiwagen. Panisch rannten beide aus dem Saal einen großen Flur entlang.
"Den Schlüssel, hol den Schlüssel raus", rief Franzi.
Wie ein Priester mit seinem Weihwasserwedel schwenkte Jule das geheimnisvolle Stück Metall in alle Richtungen in gespannter Erwartung, ob sich nicht wieder ein rettendes Raum-Zeitloch zeigen wollte. Der Weg endete an einer Treppe. Fast flogen sie diese hinunter, da versperrte bereits ein Eisengitter den Weg. Doch halt, links zeigte sich eine kleine rote Tür. Oh Glück, sie war offen und führte in einen schmalen Gang, der in eine Zwischenetage mündete. Kaum waren sie hineingehuscht, hörten sie bereits aufgeregte Schritte über sich hinwegeilen.
"Puh, das war knapp. Jetzt schnell hier in den Lüftungsschacht", pfiff Jule atemlos.
Schon ging es in einer steilen Talfahrt wie auf einer Rutschbahn enge Gänge hinab, links und rechts und kreuz und quer und schließlich beängstigend geradewegs einem gusseisernen Gitter entgegen, durch welches schwach das Tageslicht hindurchleuchtete. Beide hielten sich die Augen zu, streckten die Füße nach vorn, um den schweren Aufprall abzufangen. Es schepperte kurz, aber gewaltig, das Gitter zersprang in tausend Stücke. Und Franzi und Jule flogen in hohem Bogen einem riesigen Ölgemälde entgegen, das gerade von vier Arbeitern durch den Raum getragen wurde. ‚Glück im Unglück‘, konnte Jule nur noch denken, da dämpfte die uralte morsche Leinwand auf wundersame Weise bereits den Sturz der Mädchen. Doch den Preis dafür zahlte das grandiose Meisterwerk, das Jahrhunderte unbeschadet überstanden hatte, um nun als Sprungtuch zweckentfremdet in Bruchteilen einer Sekunde zu einem Häuflein Elend zusammenzufallen.
"Au Backe, das gibt Ärger", stöhnte Franzi entsetzt, während sie, Jule und der kostbare Schlüssel in rasendem Tempo den kalten Marmorboden entlangschlitterten. Die Rutschpartie stoppte abrupt an den glänzenden schwarzen Stiefeln eines finster dreinschauenden Polizisten. Als der jedoch energisch nach beiden den Mädchen greifen wollte, geschah erneut das große Wunder: Ein bernsteinfarbenes Leuchten erstrahlte kreisförmig vom Boden herauf in den Raum. Die Marmorplatten bebten, wieder wurden ihnen die Beine weich und kurz darauf stürzten sie in atemberaubender Geschwindigkeit erneut einem unbekannten Ziel entgegen.
Dann war es mucksmäuschenstill. Vorsichtig öffneten Jule und Franzi die Augen und starrten voller Entsetzen in die dunkelhäutigen Gesichter mehrerer in weiße Gewänder gehüllter Männer. Denen schien es ähnlich zu gehen, denn auch aus ihren Blicken sprach das blanke Entsetzen.
Der schwarze Fez mit der leuchtenden roten Quaste auf dem Kopf der Männer ließen die Mädchen vermuten, dass sie erneut in einer anderen Zeit und überdies irgendwo im Orient gelandet seien. Dies war jedoch ein großer Irrtum, denn tatsächlich befanden sich die Mädchen noch immer in der Gegenwart, und zwar schlicht und einfach nur auf dem großen Konferenztisch der Marokkanischen Botschaft in Berlin.
Unvermittelt schrie Franzi schrill auf. Direkt hinter ihr bäumte sich wie ein fetter grüner Riesenfrosch der Polizist aus der Nationalgalerie auf, der dummerweise gleichsam durch das rettende Raum-Zeitloch gerutscht war. Franzis erster Gedanke war Flucht und der zweite der Wunderschlüssel. Doch oh weh, sie hatte ihn auf dem Fußboden des Museums vergessen. Verdammt, jetzt waren sie vollends verloren!
"Waaaasss iiisssst daaaaas ...", trompete mit tiefer Stimme offensichtlich ein Riesenwalross den Mädchen in die Ohren.
‚Aber wie kam denn ein Walross hierher auf den Tisch und wieso konnte es sprechen?‘ wunderte sich Jule, die noch immer nichts von alldem mitbekommen hatte.
‚Ach so, es war nur der fette Polizist, der wütend den kostbaren Schlüssel hin und her schwenkte, als wolle er damit die unschuldige Luft in lauter kleine Stücke hacken.‘ Mit der Gewalt einer Herde blökender Schafe brüllte die sich überschlagende Stimme der Staatsmacht durch den engen Raum, so dass schon die Teelöffel in den Gläsern zu klirren begannen.
"Aber Herr Polizist, bitte nehmen sie doch Rücksicht auf die Ohren der anwesenden Herren!", wagte Jule vorsichtig einzuwerfen.
Die Marokkaner standen nämlich noch immer wie zur Salzsäule erstarrt da und wussten nicht wie ihnen geschah. Doch leider besaß der Polizist nicht Jules außergewöhnliches Zartgefühl:
"Den habt ihr im Museum gestohlen ..., gemeine Diebesbande ..., diese kostbare antike Goldschmiedearbeit ... Euch werd ich ..., ihr Verbrecher ..."
Doch gerade als er nach Jule greifen wollte, brach der Tisch, der ganz offensichtlich das alte deutsche Sprichwort „Der Klügere gibt nach“ kannte, urplötzlich unter seiner unangenehmen Last zusammen. Der überraschte Polizist machte einen kühnen Salto rückwärts, riss dabei zwei nicht minder überraschten bärtigen Männern die weißen Gewänder vom Leibe, so dass diese in rosa Unterwäsche hilflos im Raume standen, und schlug schließlich in einer Bauchlandung, der Erdanziehung gehorchend, auf den harten Boden der Tatsachen auf.
Während dieser für einen dicken Polizisten doch recht beeindruckenden artistischen Einlage, hatte Jule geschickt den Schlüssel in der Luft aufgefangen, den dieser Halt suchend, nicht mehr halten konnte. Und schon rannten die beiden Mädchen über die Gartenterrasse dem Ausgang entgegen. Vielleicht würden sich ja wieder ein rettendes Raum-Zeitloch zeigen. Doch leider war es dafür schon zu spät. Von allen Seiten näherten sich bedrohlich dunkle Männer mit schwarzen Sonnenbrillen, die Pistolen und Maschinengewehre in ihren behandschuhten Händen hielten. Nicht die geringste Chance gab es mehr zu entrinnen. Sie waren umzingelt. Bereits packten die düsteren Gestalten sie derb am Arm. Franzi schrie laut auf vor Schmerz. Einer der Männer beugte sich ganz dicht über Jule, nahm seine schwarze Brille ab und blickte ihr verächtlich in die Augen. Augenblicks erkannte sie den Drachen Morsus. Sein Blick wirkte kalt und stechend, wie damals, als er ihr im Mondgebirge als gelbviolett gefleckter Riesensaurier erschienen war. Und augenblicks verstand Jule, dass sie Morsus damals am Hals der Schönen Cloeda nicht für alle Zeiten ins Nichts geschleudert hatte. Wie selbstverständlich bewegte er sich auch hier in der fünften Ebene inkognito unter den Menschen. Kein Versteck gab es offensichtlich im Universum, das er nicht zu finden vermochte.
"Achtung! Das ist der Drache Morsus ...!", rief Jule warnend seinen Begleitern zu. Doch keiner der Männer reagierte. Wie sollten sie auch? Vermutlich wussten die ja nicht einmal, von wem sie sprach. Und in seiner Verkleidung konnten die Wächter den Drachen schon gar nicht erkennen.
Augenblicks machte eine tiefe Hoffnungslosigkeit und Leere sich in ihr breit. Zugleich spürte sie, wie eine erbarmungslose Kraft sich um ihren Hals legte, um ihr die Luft abzuschnüren. Es war der vernichtende Blick des Drachen Morsus. Gut, dann sollte sie eben sterben. Wenn keiner diesem widerwärtigen Geschöpf zu widerstehen vermochte, dann war sowieso alles sinnlos. Wie eine kaputte Marionette sank Jule Levitan zu Boden. Ihr Gesicht fiel auf den harten Stein. Todmüde schloss sie ihre Augen.
Doch wieder einmal hatte sie das Wirken der weisen Absicht unterschätzt. Ein warmes glühendes Licht drang urplötzlich durch ihre geschlossenen Augenlider, durchflutete den ganzen Körper. Erstaunt öffnete sie die Augen und erblickte einen herrlich strahlenden Regenbogen, der sich direkt vor ihr vom Boden bis in den Himmel spannte.
"Galahru", schrie Jule voller Glück.
Und im selben Moment schon spürte sie ihr Lied, das ihr dereinst die Regenbogenschlange gelehrt hatte. Zunächst ganz leise, dann immer lauter und freier begann sie die Melodie vor sich hinzusummen. Die Töne stiegen wie jubilierende Lerchen hoch auf in den herrlichblauen Frühlingshimmel. Immer heller und strahlender erklang ihr Lied und eine unbändige Kraft und Heiterkeit erfasste ihre Seele. Erstaunt blickte sie um sich. Die dunklen Sonnenbrillenmänner hatten sich unversehens in klapprige Gerippe verwandelt. Der Drache Morsus schlotterte in einem hässlich grauen Gewand aus vertrockneter Saurierhaut und seine geröteten Augen blickten tot und trübe in die Welt, als hätte er nie gelebt. Ein Strahlen, das geheimnisvoll von ihrem Körper auszugehen schien, fuhr wie ein reinigender Frühlingssturm durch die dürren Knochenmänner hindurch, die sich, um nicht fortgerissen zu werden, furchtsam am Erdboden festklammerten. Doch es half ihnen nichts. Der Wind trieb sie in Fetzen davon wie totes Herbstlaub.
"Steiget auf, Kinder, wachet auf …", säuselte die unglaublich warmherzige Stimme der Regenbogenschlange Galahru.
Flink schnappte sich Jule ihre Freundin Franzi und beide stiegen immer höher und höher den Regenbogen hinauf. Schon kreuzten sie die Spitze des Berliner Fernsehturms, die von einem ganz und gar seltsamen orangefarbenen Leuchten umgeben war.
"Bleibt nicht stehen, schreitet weiter euren Weg ...", ertönte erneut beschwörend Galahrus Stimme: "Gleich werdet ihr erkennen ..."
Die Regenbogenschlange hatte nicht zu viel versprochen. In dem Augenblick, da sie den höchsten Punkt des Regenbogens erreicht hatten, brach urplötzlich aller Orten ein herrliches Strahlen unter ihnen hervor. Verwundert blickten die Mädchen in ein fantastisches Meer bernsteinfarben leuchtender Punkte, die sich in erstaunlicher Regelmäßigkeit über den gesamten Boden der riesigen Stadt Berlin erstreckten. Und plötzlich wurde ihnen beiden bewusst, was sie da sahen:
"Die Sommersprossen der Cloedaaaaaa ...!" ...



INHALTSVERZEICHNIS - FÜNFTES BUCH

· Der Stein fällt zu Boden ... 617
· In der Vergangenheit oder in der Gegenwart? ... 624
· Endstation Anhalter Bahnhof - Die berühmten Futurinis ... 627
· Das geheimnisvolle Photo im Moden-Spiegel ... 634
· Der denkwürdige Besuch bei Herrn von Treskow ... 640
· Spukereien in der Margaretenstraße ... 649
· Das Geheimnis des goldenen Schlüssels ... 663
· Die Sommersprossen der Schönen Cloeda ... 668
· Eine höchst ungewöhnliche Verabredung ... 676
· Die geheimnisvollen Tagebücher ... 685
· Enthüllungen am Weihnachtsabend ... 691
· Warum ein Goldfisch den Atlantik durchquert ... 694

Ende oder Anfang? ... 699

· Nachsatz des Herausgebers ... 701
· Die nächtliche Erscheinung ... 703
· Zweiter Nachsatz des Herausgebers ... 715
· Dritter Nachsatz des Herausgebers ... 716

     

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Alle Texte, Illustrationen und Layouts von Ulrich Taschow. Copyright © 2015. All rights reserved.